Strahlenhysterie: Können nicht messbare Strahlendosen biologische Wirkungen erzeugen, die man bei weit höheren messbaren Dosen nicht beobachtet?

Die verlorenen Mädchen des Dr. Scherb

Von Dr. Hermann Hinsch

Werden in der Umgebung kerntechnischer Anlagen weniger Mädchen geboren? Das behaupten H. Scherb und Mitarbeiter vom Helmholtz Zentrum München in einem Gutachten für den Landkreis Lüchow-Dannenberg. Tatsächlich ist eine strahlenbedingte Veränderung des Zahlenverhältnisses Mädchen/Jungen in der Umgebung von Castor-Behältern und der Asse nach den gemessenen Dosiswerten und den Erkenntnissen der strahlenbiologischen Forschung ganz unmöglich.

Beamte in der Verwaltung des Landkreises Lüchow-Dannenberg können sich so etwas vorstellen und haben ein entsprechendes Gutachten in Auftrag gegeben und bezahlt (s. Anhang). Die Auftragnehmer, Dr. Hagen Scherb und seine Mitarbeiter, Ralf Kusmierz und Dr. Kristina Voigt, sind bekannt, und vor allem deren Arbeitsstelle, das Helmholtz Zentrum München.

Das ist mein früherer Arbeitgeber. Herr Scherb und seine Mitarbeiter sind schon lange auf dem Gebiet der Strahlenhysterie tätig, und ich habe mich über ihn bereits 2011 beim Helmholtz Zentrum schriftlich beschwert. Zurückgeschrieben hat man mir nicht, ich sehe ein, dass man dort mit Herrn Scherb sehr vorsichtig sein muss. Politiker halten ihn sicherlich für den besten der dortigen Mitarbeiter und den nützlichsten im Sinne der heutigen Ökoideologie.

Mich rief aber der Chef der Öffentlichkeitsarbeit des Helmholtz Zentrums an und erklärte mir, wie unglücklich man dort mit Herrn Scherb wäre. Um mir zu zeigen, dass man sonst aber sinnvolle Arbeit macht, schickte er mir einen ganzen Karton voll Informationsmaterial.

Da ich immer wieder Arbeiten von Herrn Scherb kritisiere, bekam ich 2013 noch einen Anruf aus München, diesmal von Herrn Scherb selbst. Er drohte mir eine Klage an, hat sein Versprechen aber nicht gehalten.

Herr Scherb ist über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt. So bezog sich im Jahr 2013 Claudio Knüsli, Onkologe in Basel und Präsident der Ärzt/Innen gegen Atomkrieg Schweiz, auf Scherb und Mitarbeiter und sagte: „Sie haben herausgefunden, dass in einem Umkreis von 35 Kilometern um die Atomanlagen – konkret geht es dabei um 27 Anlagen in Deutschland und 4 in der Schweiz – im Verlauf der letzten 40 Jahre ein Verlust von 10.000 bis 20.000 Lebendgeburten bei Mädchen nachweisbar ist.“

Dagegen sind die Angaben im Gutachten geradezu bescheiden. Um Gorleben wären etwa 800 Mädchen nicht geboren worden und um die Asse etwa 75. Wie haben die Autoren des Gutachtens das berechnet? Ich kann es nicht nachprüfen, vermutlich ging es nach dem Prinzip „Corriger la fortune“.

Nun ist den Autoren schon klar, dass Korrelationen nicht Kausalitäten sein müssen, und daher bemühen sie sich um Begründungen. Insgesamt wären wir neben Strahlenbelastungen aufgrund medizinischer Anwendungen zunehmend den Strahlen aus der Kerntechnik ausgesetzt: „Ein weiterer Belastungsschub ergab sich nach der Entdeckung der Kernspaltung …“. Ein Schub? Wie die vom Helmholtz Zentrum veröffentlichte Graphik zeigt, führt Kerntechnik zu keiner erwähnenswerten zusätzlichen Strahlenbelastung der allgemeinen Bevölkerung, und ist mit der Medizin überhaupt nicht vergleichbar.

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Die Autoren des Gutachtens nehmen gar nicht für sich in Anspruch, die Entdecker von strahlenbedingten Änderungen des Geschlechterverhältnisses zu sein. Sie beziehen sich auf Muller und schreiben ganz richtig: „Hermann Joseph Muller wies 1927 die mutagene, d. h. erbgutschädigende Wirkung, von ionisierender Strahlung nach. Er beobachtete bei Experimenten mit Taufliegen unter anderem eine Veränderung im Zahlenverhältnis der Geschlechter bei den Nachkommen bestrahlter Fliegen.“

Ja, aber genau anders als Scherb. Muller fand einen Mangel an männlichen Nachkommen. Anders als Scherb konnten Muller und seine Nachfolger die Sache auch erklären.

Männer sind genetisch im Nachteil, sie haben nur ein X-Chromosom, Frauen dagegen zwei. Wird z. B. durch Strahlung ein X-Chromosom schlimm geschädigt, wissenschaftlich ausgedrückt, entsteht eine rezessive letale Mutation, dann macht das der Frau gar nichts, da das andere X-Chromosom den Schaden ausgleicht. Dagegen werden Jungen mit einer Letalmutation auf ihrem einen X-Chromosom gar nicht erst geboren. Das Defizit oder völlige Fehlen männlicher Nachkommen gab den Forschern Aufschlüsse über den Mechanismus der Vererbung.

Muller zu zitieren ist im vorliegenden Gutachten also völlig abwegig. Die schwammigen, durch keine experimentellen Untersuchungen bestätigten Spekulationen der Autoren des Gutachtens haben mit Muller gar nichts zu tun.

Wie kommen Scherb und Mitarbeiter zu der gegenteiligen Behauptung, es gäbe ein Defizit an Mädchen? Vermutlich, weil man mehr Mitleid mit kleinen Mädchen hat als mit kleinen Jungen.

Übrigens haben mit Muller zusammenarbeitende Forscher die Strahlendosis ermittelt, bei der eine bestimmte Mutation doppelt so häufig auftritt wie ohne Bestrahlung: 47 Röntgen. Das entspricht grob 500 Millisievert (W.P. Spencer, C. Stern; Genetics 33, 1948). Was wird im Gutachten behauptet: 1 Millisievert pro Jahr verdoppelt die Mutationsrate!

Bei sehr hohen Dosen gibt es nach Muller und anderen tatsächlich Strahlenwirkungen auf das Zahlenverhältnis der Geschlechter, daher wurde ein solcher Effekt bei den Nachkommen der Überlebenden der Atombombenabwürfe vermutet. Scherb und Mitarbeiter zitieren im vorliegenden Gutachten Schull und Nee (1958) Deren angebliche Ergebnisse haben sich aber nicht bestätigt, wie die „Radiation Effects Research Foundation“ schreibt:

„Early observations concerning births to A-bomb survivors (1948-1953) favored this hypothesis but were not statistically significant. Further data collected through 1962 (140,542 births, 73,994 with one or both parents exposed) did not support any radiation effect on sex ratios.“

Übrigens geht es da um ganz andere Strahlendosen!

Mit den abenteuerlichen Behauptungen der Autoren über Neutronenwirkungen werde ich mich nicht befassen. Zweifellos können Neutronen stabile Atome in radioaktive umwandeln. Ich habe selber Berechnungen durchgeführt, welches Ausmaß das im Salz um eine hochaktive Kokille annimmt. Ergebnis: Völlig unbedeutend.

Der entscheidende Einwand gegen die Behauptungen von Kusmierz (kommt aus Bremen!), Scherb und Voigt: Die Strahlendosen liegen weit unter denen, welche an vielen Stellen dieser Welt von Natur aus vorkommen. Nirgends, auch wo die Dosisleistung 5 – 10mal höher ist als bei uns, werden die von den Autoren behaupteten Effekte auf Kinder gefunden.

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Illustration 2: Im Wendland ist die natürliche Umgebungsstrahlung besonders gering. 

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Es gibt außerdem eine fast unübersehbare Zahl von seriösen Arbeiten, welche einen positiven Effekt geringer Dosen behaupten. Vor diesem Hintergrund sind die Ausführungen im Gutachten besonders absurd.

Hannover, den 1. Juli 2019

 

Das PDF des Gorleben-Gutachtens: pdf20141031GorlebenGutachten.pdf

 

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