Indoktrinierung

Ich will ein echter Lehrer sein, kein Lernbegleiter

Von N. N. — Der Autor ist Fortschritt in Freiheit e.V. bekannt.

20191116Podiumsdisk Indoktrinierung

— Foto: Adobe

Den Text kann man sich auch anhören oder herunterladen. Zur AUDIODATEI

 

Im Land der Buntgemischten sind alle bunt gemischt.

Und wenn ein Gelbgetupfter das bunte Land auffrischt,

dann rufen Buntgemischte: Willkommen hier im Land!

Hier kannst du mit uns leben, wir reichen dir die Hand.

Dieses Zitat stammt aus einem Songtext, der in einem Schulbuch der 4. Klasse abgedruckt wurde. Als ich diesen Text in einem Schulbuch meiner Nachhilfekinder entdeckte, war ich 17 Jahre alt. Seitdem habe ich nicht nur mehr Schulbücher mit mehr oder weniger fragwürdigen Inhalten in die Hände bekommen, sondern habe auch beschlossen, Lehrerin zu werden.

Diese Entscheidung wurde in meiner Umgebung mit einem verständnislosen Kopfschütteln quittiert und mit einem Wink in Richtung MINT-Studium verbunden. Doch ich konnte und kann mir keinen anderen Beruf vorstellen.

Ich schaue immer mehr mit einem pessimistischen Blick auf die Veränderungen in der deutschen Bildungslandschaft und muss zusehen, wie sich meine Vorstellungen und Überzeugungen immer mehr von denen entfernen, die propagiert und umgesetzt werden. In diesem Podcast möchte ich thematisieren, welche Narrative meinen universitären Alltag ausmachen und welche Auswirkungen diese bereits auf die Schulen haben.

Ich bin 21 Jahre alt und ich studiere Lehramt. Dieses Lehramtsstudium begann ich mit der Überzeugung, Lehrer zu werden – ein echter Lehrer. Diese Aussage mag Sie wahrscheinlich gleich zu Beginn aufgrund ihrer Trivialität skeptisch werden lassen. Doch lassen Sie mich das erklären.

Selbstverständnis als Lehrer überdenken

Mein Lehramtsstudium begann mit der Aufforderung, dass wir unser Selbstverständnis als Lehrer überdenken und uns eher als Lernbegleiter auffassen sollten. Wichtig sei, dass wir von dem Autoritätsgefälle wegkommen, hin zu einer Beziehung auf Augenhöhe. Und das in der SEK 1? In der Grundschule?

Obwohl der Begriff „Lernbegleiter“ auf den ersten Blick sehr harmonisch und löblich klingt, war diese Aussage für mich ein Schlag ins Gesicht. Vergleicht man die beiden Begriffe, so steht das Wort Lehrer mit dem Wort lehren in semantischer Beziehung. Lehren ist also ein aktiver vom Lehrer ausgehender Prozess. Bei dem Begriff Lernbegleiter verschiebt sich die Betonung vom Lehren zum Lernen. Nun steht also der Schüler mit seinem Lernprozess im Mittelpunkt. Der Lehrer wird zu einem Begleiter degradiert.

Man kann diese Verschiebung für fortschrittlich halten, jedoch sollte die Frage aufkommen, wieso der Lehrer aus seiner beruflich und namentlich manifestierten Rolle abgesetzt werden soll. Die Umdefinierung der Lehrerrolle impliziert eine neue Lernkultur, deren Eindrücke und Folgen ich in diesem Podcast beleuchten möchte. Lehrerausbildung und die Situation an den Schulen lassen sich nur schwer voneinander trennen, denn was heute an den Unis passiert, wird morgen in die Schulen hereingetragen.

Beginnen wir im Jahr 2000.  Dieses Jahr mag vielen vielleicht u.a. als Jahr des PISA-Schocks in Erinnerung geblieben sein. Unter großem Aufwand wurde nun versucht, eine Abkehr vom alten System zu präsentieren. Heraus kam die sogenannte Kompetenzorientierung, eine Abwendung von der Inputorientierung hin zur Outputorientierung. Lerninhalte werden nun nicht mehr in Form von Vorgaben für den Lehrer formuliert, sondern als „Können-Ziele“, was die Schüler am Ende einer Einheit können sollten. Outputorientierung bedeutet also, dass besonders das durch Handeln entstandene Endprodukt im Vordergrund steht. Der aufmerksame Hörer wird jetzt vielleicht kritisch anmerken: Sind denn alle Lernleistungen in einer Performanz messbar bzw. ist das überhaupt sinnvoll?

Lernprodukt ist der finale Gipfel

Die Kompetenzorientierung hat dazu geführt, dass Lernziele operationalisiert beschrieben werden müssen. Herauskommen soll zu deren Überprüfung ein wie auch immer geartetes Lernprodukt.

Diese Unterrichtsmethode wird uns an der Uni sehr ans Herz gelegt. Endlich sollen die Schüler kein „totes Wissen“ mehr anhäufen, sondern handlungsfähig werden. Das Lernprodukt ist der finale Gipfel der neuen Unterrichtspraxis, wobei die Kinder am Ende des Themas oder der Stunde ein selbsterstelltes Produkt in den Händen halten oder präsentieren sollen.

Während man fröhlich Broschüren erstellt, Lapbooks bastelt, Rollenspiele spielt, Modelle bastelt, Plakate erstellt oder etwas bäckt und natürlich auch noch nebenbei etwas lernen soll, wird die hierfür benötigte Zeit jedoch nicht im Stundenpensum dazugerechnet, sondern sie geht auf Kosten früherer Lehrplaninhalte sowie Vertiefungsstunden.

Die Vorbereitungen solcher Einheiten gleichen einer reinen Materialschlacht. Ich durfte mal einer Lapbookarbeit beiwohnen. Bei einem Lapbook handelt es sich um ein gefaltetes, aufklappbares großes Stück Papier, in das verschiedene Taschen geklebt werden können. Diese werden wiederum mit selbstgebastelten oder gemalten Inhalten befüllt, wie zum Beispiel mit Memories, selbstgestalteten Vokabelkarten, Satzanfängen etc. Ich frage mich, was von einer solchen Lapbookarbeit übrigbleibt, als nur das bloße Trainieren von Schneid- und Klebekompetenz.

Natürlich wird das Basteln des Lapbooks manchen Kindern mehr Spaß machen, als die Vokabeln mit einem bereits gebastelten Memory zu lernen. Doch was werden die Schüler am Ende dieser Bastelstunde an englischen Vokabeln gelernt haben? Vielmehr ist das Produkt ein Scheinergebnis einer Lernleistung, die zwar in dem Moment verfügbar scheint, aber nicht nachhaltig gelernt ist. 

Auswüchse dieser Handlungskompetenz

Handlungsfähigkeit ist das neue Credo – am Besten in Bezug auf neue globale Herausforderungen. Schließlich, so die Aussage von Dozenten, können wir es uns als Lehrer angesichts der globalen Herausforderungen nicht mehr leisten, keine politische Haltung zu zeigen. Eine bezeichnende Aussage!

Die Folgen dieser Handlungskompetenz sind bereits jeden Freitag Realität geworden und wir werden uns in den nächsten Jahren noch auf weitere Auswüchse dieser Handlungskompetenz freuen dürfen.

Wie es die OECD festgehalten hat, sollen die Schüler schließlich „ein Gespür für ihre Verantwortung bei der Gestaltung der Welt durch die Beeinflussung von Menschen, Veranstaltungen und Umständen zu ihrem Besseren” entwickeln. Zu ihrem Besseren beinhaltet dabei natürlich nicht den vorherigen gründlichen Abwegen und Nachdenken, sondern das emotionalisierte und impulsgesteuerte Handeln auf Basis der herrschenden Ideologie. Darauf werden wir an der Uni hervorragend vorbereitet. Seminare und Vorlesungen im Bereich „Demokratiepädagogik“ sollen uns befähigen, eine „professionelle Haltung“ zu erarbeiten sowie die herrschenden ideologischen Narrative zu schlucken, um diese dann an die Schüler in Form unterschwelliger Haltungsformung weiterzugeben.

Das Erarbeiten dieser Haltung ist nicht mehr als ein Adaptieren der „richtigen“ Werte, das Bekennen zu der „richtigen“ Ideologie, die ja keine fundamentale Kritik übt. Eine Ideologie, beweihräuchert von der Überzeugung, dass die plumpe Moral Allem und Jedem überlegen ist. Wir sollen jedoch die Fehler nicht im System suchen, sondern bei uns selbst, in der eigenen professionellen Haltung.

Das alles klingt unglaublich nett, solange man nur anhand von Texten moralisch belehrt wird und sich dann „diskutierend“ im universitären Biotop damit auseinandersetzt. Wenn man eine andere „falsche Meinung“ hat, bekommt man zu hören: „Nochmal von vorn, das muss ich Ihnen noch einmal erklären, Sie haben es noch nicht verstanden.“

Uns wird eine Ideologie eingeimpft

Doch was hat das alles mit der Realität zu tun? Uns wird eine Ideologie eingeimpft, die es uns am liebsten verbieten möchte, die Geschehnisse um uns herum beim Namen zu nennen, einzuordnen und zu bewerten. Nicht das System macht Fehler, nein unsere professionelle Haltung ist mangelhaft.

Inklusion beispielsweise sei eine Frage der persönlichen Haltung. Dann werde es schon klappen. Ehrliche und wichtige Diskussionen werden nicht geführt, es wird beschönigt. Bloß nicht die Studenten mit der teils bitteren Realität konfrontieren. Was sei denn schon einfach? Wir sollen uns widerspruchslos den Herausforderungen stellen. Das sagen Leute, die aus einer wohligen Beamtenposition heraus wahrscheinlich noch nie vor einer inklusiven und multikulturellen Klasse in einem sozial schwachen Viertel gestanden haben. Die Umstände wurden angeblich nicht durch eine verfehlte Politik selbst geschaffen, sondern seien ein notwendiger, nicht zu hinterfragender Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die gleicher als gleich sein will. Die Fehler werden immer beim Individuum gesucht. Wenn Realität nicht mit der selbsterträumten Utopie zusammenpasst, sind wir Lehrer diejenigen, die sich diskriminierend und kulturunsensibel verhalten haben. Wir müssen einfach nur mehr Workshops besuchen, in denen wir unsere fehlende interkulturelle Kompetenz aufarbeiten und unser diskriminierendes Verhalten im Sitzkreis reflektieren. Getreu dem Motto: Frau mit langem Rock = Nazi wird uns das Rüstzeug für die erfolgreiche Auseinandersetzung mit antidemokratischen Tendenzen gegeben.

Glauben Sie mir, ich dachte auch vorher, dass das nur ein pointierter Witz sei.  Natürlich sind nur politisch konservativ-rechte Spektren bedrohlich. Linksextremismus wird in keinem der Seminare thematisiert. Vielmehr geht es darum sicherzustellen, dass die angehenden Lehrkörper über die richtige Haltung verfügen, sich ja nicht als Deutsche begreifen, lieber schon als Europäer oder auf der höchsten Kompetenzstufe gleich als Weltbürger ohne Heimat und Identität.

Wichtig sind Diversity-Kompetenzen, das richtige Gendern und die Menschenrechte, mit denen so gut wie jegliche Kritik moralisch entwaffnet werden kann. Am liebsten führt man Wohlstandsdiskussionen über die Diversity- und Frauenquote, die toxische Männlichkeit, das richtige Gendern und die rassistischen Weißen.  Seminare, die zur fächerübergreifenden Vertiefung angeboten werden, lesen sich wie das Jahressymposium der intersektionellen Feministinnen.

Nicht mit der bösen Wertung richtig und falsch konfrontieren

Über allem schwebt der Konstruktivismus. Die Kinder sollen sich schließlich frei entwickeln und außer in den Hauptfächern nicht mit der bösen Wertung richtig und falsch konfrontiert werden.

Am liebsten redet man über Gefühle. Nach Gruppenarbeiten geht es zunächst nicht um das inhaltliche Ergebnis, sondern um die Frage, wie man sich bei der Gruppenarbeit gefühlt habe und wie man die Ausprägung der geschlechtlichen Rollenstereotype empfunden hat.  

Ich habe gelernt, dass es böser Kulturzentrismus ist, bevorzugt deutsches Kulturgut zu vermitteln. Wir sollten die Schüler doch zu Toleranz und Weltoffenheit erziehen. Nun gut, dann muss Bach und Goethe eben der tibetischen Gebetsmusik und den afrikanischen Stammesmythen weichen. Ich frage mich nur, ob man in Afrika oder Tibet auch schon dem Fortschrittsgedanken erhaben deutsche Volkslieder in der Schule singt.

Schaut man in die Lehrpläne, so haben nicht nur die fachbezogenen Kompetenzen Einzug in den Lehrplan gefunden. Politische Indoktrination durch „überfachliche Kompetenzen“ ist bereits fest im Lehrplan verankert. „In der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, Weltanschauungen, Religionen und unterschiedlichen Traditionen werden eigene Standpunkte und Werte relativiert.“,11 heißt es beispielsweise bei den zu erwerbenden Kompetenzen im Rahmen der interkulturellen Bildung und Erziehung (!).

Im Politikunterricht sollen „ideologiekritische Ansätze und Prinzipien der Genderforschung besonders berücksichtig[t]“13 werden. Schon 6-jährige müssen in der Grundschule die „Entwicklung von Geschlechtsidentität und Sexualität unter Berücksichtigung der Vielfalt von Lebensentwürfen“14 hinterfragen. Am besten macht es sich, wenn man in sprachlichen Fächern gleich die sprachliche Kompetenz mit den überfachlichen Kompetenzen kombiniert. In Russisch redet man dann über den Klimaschutz und die grüne Partei in Russland. In Englisch bespricht man das Coming-Out und führt dazu Rollenspiele durch.

Von der Jungsteinzeit über Milchwirtschaft zum Bananentransport

Im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich sind die Folgen der neuen Unterrichtskultur auch gravierend. Ein besonderer Schachzug ist mit der Einführung des Faches GeWi  (Gesellschaftswissenschaft) gelungen, welches die Fächer Geschichte, Geografie und Politik umfasst. Während zunächst über die Landwirtschaft in der Jungsteinzeit geredet werden soll, springt man plötzlich zur heutigen Milchwirtschaft im Allgäu und zum globalen Bananentransport – das alles in einem Kapitel auf knapp 20 Seiten.

Wo man gerade noch über die Vielfalt Europas geredet hat, springt man zu den Germanen, zwei Seiten später zu den Römern und interessanterweise wird auch deren Untergang angesprochen. Plötzlich thematisiert man dann wieder das bunte Klassenzimmer der Gegenwart und die heutige Migration. Ob den Verfassern die Ironie dieser Zusammenstellung bewusst ist?

Bei diesem zusammengewürfelten Allerlei sind die Folgen für die Kinder abzusehen und gravierend. Sind wir soweit gekommen, dass wir den Kindern in Klasse 5 und 6 keinen Geschichtsunterricht und Geografieunterricht mehr zumuten können, der einer logischen und inhaltlich fundierten Progression folgt? Wie sollen die Schüler so ein Verständnis für Geschichte entwickeln, wenn alles aus dem Zusammenhang gerissen wird? Sind diese Themen plötzlich so trivialisierbar, dass man jetzt nur 3 Seiten für eine Hochkultur braucht, wo es früher 20 Seiten im Schulbuch gab?

Derzeit beschränkt sich dieses Grauen noch auf Klasse 5 und 6. Doch ist das vielleicht erst der Anfang einer generellen Abschaffung von Fächergrenzen?

Sinnlose Leitfragen am Ende jeder Unterrichtseinheit

Themen werden in dieser Fächergruppe nun vorrangig in Form von sogenannten Leitfragen behandelt. In der elften Klasse fragte ich meine Geschichtsreferendarin, ob sie uns auch Inhalte vermitteln würde oder ob wir nur Leitfragen mithilfe irgendwelcher unbekannter Quellen beantworten würden , ohne überhaupt einordnen zu können, wer diese Personen waren und in welchem historischen Zusammenhang das Ganze steht. Die sinnlosen Leitfragen beantwortete die Referendarin am Ende jeder Unterrichtseinheit meist mit den Worten: „Es gibt wie Sie sehen viele Argumente, die dafür oder dagegen sprechen“.

Als meine Klasse einforderte, doch wieder traditionellen Unterricht zu machen mit der Vermittlung von historischen Fakten, war ihre Antwort, dass sie für so etwas nicht ausgebildet sei und dass sie das an der Uni anders gelernt hätte. Man solle ja keine trockenen Fakten vermitteln und lehrerzentriert arbeiten.

Von diesem Jahr Geschichtsunterricht weiß ich heute gar nichts mehr. Keine der Leitfragen hat dazu geführt, dass ich nun ein sicheres historisches Grundwissen habe, auf das ich zurückgreifen kann. Im Nachhinein kann ich sagen, dass ich dort nur thematisch hochtrabend beschäftigt wurde, ohne dass  ich dabei nachhaltige Zusammenhänge verstanden habe.

Sind Wissen und Verstehen nicht Ziele von Unterricht? Wie sollen Kinder tradierte Kultur und Geschichte begreifen und daraus lernen, wenn nicht das gesammelte Wissen aus jahrhundertelangen gesellschaftlichen Entwicklungen und auch Erfahrungen aus Fehlschritten weitergegeben werden? Wie kann es sein, dass die komplette russische Revolution bei uns aus dem Lehrplan der Oberstufe gestrichen wurde? Da weiß man, welche Fehler nicht tradiert werden sollen.

Nicht mehr Wissen als Kulturgut von Bedeutung

Neben der Kompetenzorientierung, der Demokratiepädagogik und der Vielfalt beherrscht ein weiteres Bekenntnis den universitären Alltag: die individuelle Förderung. Kaum ein Seminar vergeht, ohne dass ein Student das Glaubensbekenntnis der Lehrerschaft spricht: „Natürlich müssen wir jeden Schüler individuell fördern!“ Jeden Schüler! Bei 30 Kindern in einer Klasse ist das ein durchaus ambitioniertes Ziel. Interessant ist dabei, dass noch keiner – weder Dozent noch Student – dieses Credo mal widerlegt hat und ehrlich zugegeben hat, dass dieses Ziel utopisch ist. Ein weiterer Beweis dafür, in welchem Paralleluniversum man sich an der Uni befindet.

Doch schließlich sollen wir ja „den Schüler da abholen wo er steht“ und auf seine individuellen Interessen eingehen. Mit dieser Begründung, nämlich auf die individuellen Interessen der Kinder einzugehen, wurde der Weg geebnet zur Nichtvermittlung von Themen und der Erklärung vom Nichtkönnen der Schüler. Nun ist offensichtlich nicht mehr der Wert des Wissens als Kulturgut von Bedeutung, sondern ob es für den Schüler interessant, relevant und Alltagsbezug hat. Wissen wurde nicht mehr im Kontext eines tradierten Kulturschatzes gesehen, sondern rein auf seine Nützlichkeit und Anwendbarkeit hin bewertet. In Zeiten der entwurzelten „Es gibt keine deutsche Kultur mehr“- Generation (übrigens eine weitere angesehene Beweisführung der eigenen richtigen Haltung bei uns im Studium) ist die immense Bedeutung von kulturellen und geschichtlichen Wissen abhandengekommen. 

Der Lehrer, nun weitgehend befreit, die Verantwortung dafür tragen zu müssen, seinen Schützlingen das Gerüst des Welt- und Kulturwissens eines Volkes zu vermitteln, wurde gleichzeitig seiner lehrenden Funktion beraubt.

Hinzu kamen die seit den 60er- Jahren bekannte Autoritätenablehnung und die Verteufelung von Autoritätspersonen. Die Lehrer wurden als bedrohliche Person hingestellt, die die Kinder durch ihre Dominanz in ihrer freien Entfaltung und damit auch Entwicklung hemmen. Kinder sollten sich frei und aus sich selbst heraus entwickeln. Die Stilblüten dieser glorreichen Idee sprießen nun auf Plakaten von Fridays for future, auf denen man die Folgen einer Laissez-faire-Pädagogik und des fehlenden Lenkens und Grenzensetzens durch Erwachsene erkennen kann.

Laissez-faire- Erziehung ohne klare Grenzen

Parolen wie „Bestraft uns endlich!“ oder „Verbietet uns endlich etwas!“ sind die logischen Folgen einer Laissez-faire- Erziehung ohne klare Grenzen und fatalem Selbstüberlassen. Den fehlenden Halt, die fehlende Orientierung, die die Kinder und Jugendlichen im Elternhaus vermisst haben, fordern sie nun vom Staat ein. Daran erkannt man auch hervorragend, auf welcher psychischen Entwicklungsstufe viele dieser Kinder feststecken.

Doch anstatt gegen diese Entwicklungen Maßnahmen zu ergreifen, machte man wie so oft einen Kniefall vor den Gegebenheiten und passte sich einfach dem Verfall an. Wenn sich der Unterrichtstoff sowieso um die Interessen und den Erfahrungshorizont der Schüler dreht, warum sollte man ihnen nicht gleich das Lernen mehr oder weniger selbst überlassen?

Individuelles Lernen fand bis jetzt vor allem zum Wiederholen und Vertiefen bereits gelernter Sachverhalte statt. Doch beim individualisierten Unterricht soll auch neues Wissen immer mehr selbst erlernt werden. Somit besteht die „Lernzeit“ für die Kinder oft darin, selbstständig die stupiden und auf das Nötigste reduzierten Arbeitshefte, Arbeitsblätter, Karteien und Spielchen abzuarbeiten bzw. in Gruppen Plakate, Vorträge oder Filme zu erarbeiten.

Das Ziel ist für die Kinder nicht mehr das Verständnis des Bildungsinhaltes, sondern das abgearbeitete Arbeitsblatt oder das beendete Projekt. Lernen wird vor allem nachhaltig durch didaktisch kluge Wiederholung. Das Arbeitsblatt, der Vortrag, das Plakat sind nicht mehr als ein zeitlich vergängliches Ergebnis. Es wird zwar ein Ziel erreicht, aber verschwindet das Arbeitsblatt, verschwindet mit ihm auch ein Großteil des mit ihm erarbeiteten Wissens. Man kann die Großschreibung von Substantiven auf -heit, -keit, - ung nicht mit einem Arbeitsblatt in einer Lerntheke abhandeln.

Klassenräume werden zum Materialschlachtfeld

Ich schrieb, nachdem ich dieses Arbeitsblatt von befreundeten Eltern gezeigt bekommen hatte, mit einigen Kindern privat ein Diktat zu diesem Thema. Mein Gefühl bestätigte sich: der Großteil schrieb die Wörter auf heit, keit, ung weiterhin klein. Keiner hatte 0 Fehler. Lerneffekt gleich 0.

Die Klassenräume der Grundschule werden immer mehr zu einem Materialschlachtfeld. In der Uni hören wir von der „beeindruckenden Erstbegegnung“ mit neuen Inhalten. Doch durch das Schreiben des Buchstaben K in Keksteig oder andere abstruse Ideen der Buchstabeneinführung werden die Schüler das K nicht besser lernen, als wenn man es an der Tafel, auf dem Rücken des Nachbarn, auf dem Fenster oder – ganz wichtig – mit dem Stift auf Papier übt.

Stattdessen werden Karteien erstellt und im Rekord Arbeitsblätter kopiert. Ein Unterricht ohne Kopien ist kaum vorstellbar. Wobei das durchaus die umweltfreundlichste Variante wäre! Aber viele der angehenden Lehrkräfte sind überhaupt nicht darauf vorbereitet und einige auch nicht in der Lage, einen lehrerzentrierten Unterricht zu halten. Und da wundert man sich über die schlechte Motorik, Handschrift und Rechtschreibung, wenn man nur noch Lücken ausfüllt und kaum Texte schreibt.

Und hier sind wir wieder beim Punkt der Lehrkraft angelangt. Faszination und Neugierde wurden bei mir zumindest nicht durch einen Lehrbuchtext oder eine Gruppenarbeit hervorgerufen, sondern durch Lehrer, die den Unterrichtsstoff einordneten, mit Leben füllten und im wahrsten Sinne dafür brannten.

Wie will man Kindern die Errungenschaften einer deutschen Geschichte beibringen, wenn man selbst der Überzeugung ist, dass es keine deutsche Kultur mehr gäbe? Wenn man mit dieser Haltung an einen Unterrichtsgegenstand herantritt, der davon lebt, dass ein Lehrer ihn für die Kinder bedeutsam macht, dann ist das Ergebnis von vornherein klar.

Für ein Umdenken hin zu Berufsethos und Realismus

Und während wir den Unterricht ins Unermessliche öffnen und jeden Schüler am besten komplett individualisiert unterrichten sollen, stellt sich die Frage, wann die Kinder nun in den Genuss von Regeln und Halt kommen. Was im Elternhaus nicht Mode ist, wird in der Schule einfach weiter geführt, anstatt die Verantwortung dafür zu sehen, dass die Kinder für ihre psychische Entwicklung eine gewisse Führung und einen gewissen Halt, Anregung und Vorbildfunktion eines Erwachsenen benötigen, der ihnen klare Regeln aufzeigt und sie auch dazu anregt, Dinge zu tun, auf die sie keine Lust haben.

Der nun immer häufige praktizierte individualisierte Unterricht versucht erst gar nicht, die Kinder aus ihrer psychischen Entwicklung eines impulsgesteuerten Kindes herauszuholen. Er gibt ihnen einfach den Rahmen, um auf dieser Stufe weitermachen zu können. Was fehlt, ist ein Umdenken, weg von Haltung und Ideologie, hin zu Berufsethos und Realismus. Am Ende der Schulzeit sollen die Schüler sozial kompetente Wesen sein, die sich anpassungsfähig, tolerant, interkulturell kompetent und hoch motiviert, jedoch ohne weitgehende Reflexion über den Sinn und Zweck ihrer Tätigkeit, auf die Aufgaben stürzen.

Eigentlich brauchen wir junge Leute, die sich den kommenden Herausforderungen mit Intellekt, Realismus und Verstand widmen, die anstelle Verbote auszusprechen, selbst nach Innovationen suchen.

Vielleicht brauchen wir zwischen Teamfähigkeit und netten Worten auch mal junge Menschen mit klarer Kante, die ohne Herdentrieb und Schneeflockenwortschatz durchs Leben finden. Es sollten wieder Identifikationsfiguren ausgebildet werden, die nachhaltig Sachinteresse, Faszination und Begeisterung wecken können, aber auch Halt und Orientierung vermitteln. In diesem Sinne bleibt mir nur noch provokatorisch zu sagen: Wir brauchen Lehrer – keine Lernbegleiter.